Bewegend: unser Besuch in der Gedenkstätte Stalag

Wir treffen uns heute am Eingang der Landespolizeischule am Lippstädter Weg, um die Gedenkstätte Stalag 326 VI K Senne zu besuchen. Dort zeigen wir unsere Ausweise vor und dürfen mit den Autos auf das Gelände fahren. Wir sind ja auch angemeldet. Eine Hürde? Ja, aber nur eine kleine: Anmelden, fertig. Der heutige Besuch ist bewegend, erschütternd, aber auch angenehm. Es darf gelacht werden in der Gedenkstätte. Persönliche Geschichten sind es, die Oliver Nickel und Jens Hecker uns bei unserem Besuch näherbringen. Schicksale, die die Vergangenheit in die Gegenwart holen.

Mich beeindruckt, mit wie viel Verständnis die Mitarbeiter der Gedenkstätte erzählen. Verständnis für die Leiden der Kriegsgefangenen, für die Traumatisierung, die Enge, den Hunger. Aber auch Verständnis für die Täter, die Mitläufer, die Nutznießer und die Menschen, die gekommen sind, um „den Russen“ zu sehen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern nachdenklich. „Keiner weiß, wie er in der damaligen Situation gehandelt hätte“, meint Jens Hecker. Und auch für Gäste, die gelangweilt in der Ecke stehen oder solche, die angesichts so viel Elends Quatsch machen und gar nicht zuhören, zeigen sie Verständnis. „Wer sind wir denn, uns zu erheben und anderen Menschen Wissen injizieren zu wollen? Wir haben auch nicht die eine Wahrheit. Und jeder muss sehen, wie viel er sich zumuten kann. Manchmal muss man ausreißen, damit einen die Bilder hier nicht überfordern“, sagt Jens Hecker.

"Wenn jemand das Grab des Vaters oder Opas findet, einen Angehörigen halb verhungert auf einem Foto des Lagerarztes erkennt oder eine Handvoll Erde vom Friedhof zu Hause gegen eine Handvoll Erde vom Grab in Stukenbrock-Senne austauscht, um die Toten hier und dort zu vereinen, das nimmt einen immer wieder emotional mit". Das erzählt Geschäftsführer Oliver Nickel, der auf dem Gelände aufgewachsen ist, als es längst kein Stammlager, Internierungslager oder Sozialwerk mehr ist. Als Sohn eines Polizisten lernt er das riesige Landespolizeischul-Gelände ganz unvoreingenommen kennen. Doch kurz vor dem Ende seines Geschichts-Studiums wird er von seinem Professor auf die Erforschung der Geschichte des ehemaligen Stalag 326 in Stukenbrock-Senne gestoßen. Nach nur zwei Tagen entdeckt er auf dem Ehrenfriedhof eine bislang unbekannte Gräberreihe und ist seitdem der Gedenkstätte und dem Ehrenfriedhof eng verbunden. 

Das Beeindruckende an der Arbeit in der Gedenkstätte Stalag 326 ist die Leidenschaft und Motivation, mit der die Ehrenamtlichen sich einsetzen, sagt Oliver Nickel, und verweist auf die fünf Mitstreiter, die an festen Tagen Führungen anbieten. Nur so sind die regelmäßigen Öffnungszeiten (Dienstag und Donnerstag von 10- 14 Uhr und Freitag von 9-13 Uhr) aufrecht zu erhalten. Besonders am Herzen liegen den Mitarbeitern die Schulprojekte. „Wir entwickeln gerade ein Programm namens Antons Schuhe für Kinder im Grundschulalter. Denen wird natürlich nicht das Grauen gezeigt, aber über Vorurteile und Rassismus kann man auch mit kleineren Kindern hervorragend sprechen“, beschreibt Oliver Nickel begeistert seine Visionen für die nächsten ein, zwei Jahre. Die Schuhe, die in einer osteuropäischen Familie einen Ehrenplatz innehatten, sorgfältig gepflegt wurden und auf ihren Besitzer warteten, der leider nie aus dem Krieg zurückgekommen ist, gibt es übrigens wirklich.

In den letzten Jahren hat sich in der Gedenkstätte viel verändert, nicht zuletzt durch den Besuch des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Mai 2015. „Wir erfahren jetzt viel mehr Rückenstärkung und Aufmerksamkeit“, sagt Oliver Nickel. Durch die Landesförderung ist mehr Personal hinzugekommen und die Ausstellung kann neu geplant werden. Hierfür ist Jens Hecker gemeinsam mit seiner Kollegin Victoria Evers zuständig. Der Historiker, Germanist, Medienwissenschaftler und Kulturmanager übernimmt die Führung durch die Ausstellung, als Herr Nickel zu seinem nächsten Termin muss. Er fährt mit uns auch die ehemalige Lagerstraße entlang. Sie macht heute noch die Dimension des damaligen Lagers erschreckend deutlich.

Das Stammlager 326 VI K war im Zweiten Weltkrieg vor allem „Russenlager“. 308.000 teils traumatisierte osteuropäische Kriegsgefangene wurden hierher „geliefert“, registriert und verwahrt. Viele Gefangene verhungerten in den Kriegsjahren. Ob dies Teil des Vernichtungskrieges war oder die katastrophalen Bedingungen im Lager dazu geführt haben, ist allerdings umstritten. Vom ehemaligen Lager stehen noch die Entlausung und das Arrestgebäude, in dem die Gedenkstätte untergebracht ist. Wie alles auf dem Polizeischulgelände hat aber auch dieses Gebäude eine bewegte Geschichte. Zu Zeiten des Sozialwerks befand sich ein Supermarkt in dem Haus, in dem wir gerade stehen. Zu Stalag-Zeiten war es das Arrestgebäude mit 30 Zellen. „Wer hier reinkam, dem ging es noch schlimmer, als dem Rest“, berichtet Jens Hecker und überlässt die Details der Vorstellungskraft. Viele Kriegsgefangene aus Stukenbrock kamen in den Arbeitseinsatz. Massenhaft ins Ruhrgebiet in den Tagebau, einige aber auch auf Höfe und in Firmen in der Umgebung. Wer als Individuum irgendwo zum Arbeiten hinkam, hatte oft Glück und wurde – entgegen der Ideologie - als Mensch wahrgenommen. „Ist das nicht heute noch genauso?“, denke ich. Der Bezug zur Gegenwart ist beim Besuch in der Gedenkstätte immer irgendwie da.

Mehr Infos:

Gedenkstätte Stalag 326 VI K, Lippstädter Weg 26, 33758 Schloß Holte-Stukenbrock
Telefon: 05257 3033, E-Mail: info@stalag326.de, www.stalag326.de

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag: 10.00 - 14.00 Uhr, Freitag: 9.00 - 13.00 Uhr

Zusätzlich öffentliche Führungen und Vorträge finden Sie auf der Homepage www.stalag326.de.

Für alle Besuche bitte vorher in der Gedenkstätte anmelden und an der Schranke der Landespolizeischule den Ausweis hinterlegen.

Wir wollen Besonderheiten und Typisches aus der Stadt zeigen. Nicht im Hochglanzprospekt, sondern echt, ehrlich und persönlich erlebt. Wirtschaft, Familienthemen und natürlich Landschaft und Naturgenuss kommen zum Tragen.
Hierzu suchen wir Firmen, kleine und große Organisationen, Menschen und Landschaften auf, führen Gespräche, machen Fotos und/oder Videos und bereiten das Ganze als Erlebnisbericht auf.

Die Autoren des SHS-Blogs sind wir Mitarbeiterinnen aus dem Stadtmarketing, also Sandra Langer für die Fotos und Imke Heidotting für die Texte.
Wir sind in SHS und Umgebung heimisch und gehen oft und gerne mit offenen Augen durch die Stadt. Manche Themen empfinden wir als besonders teilenswert. Daher haben wir diese Seite für Sie eingerichtet, die wir nach und nach mit immer mehr unterschiedlichen Themen füllen werden.

Wir sind noch am Anfang - unser erstes Blog-Erlebnis war der Besuch beim Orchideenzuchtbetrieb Röllke vom 02.06.2017. Am 27.06. waren wir dann in der Gedenkstätte Stalag. Ganz anders, aber ebenfalls unbedingt einen Besuch wert. Die Nacht vom 21. auf den 22.07. haben wir ganz gemütlich im Schlaffass verbracht.

Es werden noch viele weitere Themen folgen - der nächste Termin steht schon fest...

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